Freitag, 24. September 2010

Was ist die Steigerung von Spektakulär? Bolivien (04.09.-24.09.10)

Buenas dias amigos,

nachdem Corinna die halbe Nacht unsere Bilder editiert und hochgeladen hat, wird es wieder Zeit für einen Bericht von uns, heute aus dem spektakulären Land Bolivien, das wir in nur drei Wochen bereist haben. Viel zu kurz für das, was es zu bieten hat. Von dieser Zeit waren wir auch noch über die Hälfte krank. Doof genug, auf Reisen krank zu sein, doch dann noch auf 3.300m Höhe und mit einem recht prall gefüllten Zeitplan. Bolivien erreichten wir über den Titicacasee, auf den wir uns schon sehr gefreut hatten und den wir ausgiebig kennenlernen wollten. Unser heftiger grippaler Infekt verhinderte auch das schon und so dümpelten wir ein paar Tage bei einer Indianerfamilie am Seeufer herum und hofften auf Besserung. Viele gute Tipps und "Buschmedizin" wurden uns zuteil, was aber nicht so recht zu helfen schien. So verbrachten wir drei Tage mit Blick auf den wunderschönen See im Autobett. Der 8.562km² große See liegt bekanntlich auf erfrischenden 3.810 Metern über dem Meeresspiegel, was Nachttemperaturen unter 0°C zur Folge hat und mit dem bisschen Sauerstoff hat man auch gesund seine Not.



Die Familie besitzt zwei der traditionellen "Balsaboote", deren Charme ich trotz Fieber erlag. Fährt sich wie ein Kayak mit geschätzten 300kg Schlachtgewicht. War aber toll!


Da wir beiden direkt am Wegesrand campierten, kannte uns nach kurzer Zeit das ganze Dorf (geschätzte 30 Einwohner). Wir fühlten uns wohl dort und lernten auch ein wenig über die Indianer, die hier Aymara sprechen. Das Schilf des Sees ist Universalmaterial. Es wird neben dem Haus- und Schiffsbau unter anderem auch als Tierfutter verwendet. Täglich wird geerntet.


Auch wenn man so unbeweglich ist, lernt man spannende Menschen kennen. So begegneten wir einem jungen argentinisch-französischen Pärchen, das mit einem traditionellen Fischerboot für mehrere Monate den See erforscht hatte. Das Boot hatten sie zu diesem Zweck gekauft und nun sollte es zum Ende der Tour weiterverkauft werden. Diese Art, den See kennenzulernen, abseits aller Touristen erschien uns total spannend. Die bunte "Galere" besaß ein großes Segel und zur Unterstützung zwei Ruder. Sicher nicht ganz einfach, die Windverhältnisse auf dem riesigen Gewässer richtig einzuschätzen und zu nutzen. Die beiden hatten es gelernt.


Als unser Gesundheitszustand sich nicht besserte, kippten wir alle weiteren Pläne, fuhren nach La Paz, igelten uns im feinen Hotel Oberland auf dem extra für Globetrotter freigehaltenen Stellplatz ein, lernten die Gastfreundschaft und das Gesundheitswesen Boliviens (positiv!!!) kennen, gaben uns den kulinarischen Köstlichkeiten der schweizer Küche des Hotels hin und ließen uns verwöhnen. Die heiße Dusche war ebenfalls Balsam. Riesendank an den Hotelchef Walter und an unseren aufopfernden Leibarzt Dr. Arispe!!!! Von der toll gelegenen Großstadt La Paz sahen wir in der Woche dort nicht wirklich viel. Gemeinsam mit unseren neuen Freunden Sandra und Andi aus der Schweiz liefen wir durch die Innenstadt und schauten uns den Hexenmarkt an, der aber in keiner Weise mit dem in Chiclayo, Peru konkurrieren kann. Gegen unsere Wehwehchen fanden wir dort nichts und die armen Lamababys hätten wir doch lieber neben ihren Müttern durch die Wildnis tollen sehen....


So - genug auf der Stelle gehockt, die Reiselust kommt langsam zurück. Schweren Herzens verlassen wir das Hotel Oberland und die wunderbare Speisekarte (Fondue, Käsefondue.....) und stürzen uns ins Abenteuer, hinab in die Yungas, in den Wald. So elanvoll verfehlen wir die richtige Abzweigung und gondeln bis in die Dunkelheit auf halsbrecherischen Pisten an Steilabhängen von 4.600m auf herrliche 1.200m hinab. Unten trafen wir unsere drei Amerikaner Trish, Mike und Hund Chatty im VW-Synchro wieder, mit denen wir den nächsten Morgen ausgiebig quatschten und das milde Klima genossen. Wir wollten aber weiter und fanden nun den rechten Weg, die "Todesstrecke", wieder hinauf zu der Speisekarte im Hotel Oberland, die wir schon vermissten. Endlich mal wieder Wald zu sehen, nachts keinen Frost zu haben und tropischen Vögeln zu lauschen war herrlich!


Hier das obligatorische Bild, speziell für die Mütter :-)


Was den schrecklichen Ruf der alten Straße betrifft, so sind die vielen Kreuze nicht Schuld der Psite sondern der Menschen, die diese in der Vergangenheit viel zu schnell befahren haben. Heute ist die Piste weitgehend autofrei, da es eine neue geteerte Straße gibt und wird meist von geführeten Mountainbikern beritten, die zu amerikanischen Preisen edle "Downhiller" mieten und die 3.600m-Abfahrt genießen. Wir fuhren rauf, was wir viel toller fanden. Die verschiedenen Vegetationsstufen zu sehen, war sehr aufschlussreich und schön. Fahrerisch hatten wir schon weit größere Herausforderungen hinter uns. Es ist wirklich eine Genussstrecke, vor der man keine Angst haben muss.

Und dann wurde auf offener Strecke ein Geburtstag gefeiert: happy Birthday treue Tortuga! Auf die nächsten 26 Jahre und weitere 333.333,3 unfallfreie Kilometer!


"Plop" wir sind auf einem anderen Planeten, dem Salzplaneten Beteigeuze 2. Angekommen und glücklich! Wir erwarten den nahenden Abend.




Wir sind einfach nur fasziniert und cruisen vier ganze Tage lang in dieser einzigartigen Welt herum. Dass man von der Mitte des Salar de Uyuni nichts weiter sieht als Salz, ist zwar nicht ganz richtig (vermutlich hatten wir zu gute Sicht, denn wir nahmen Berge und Vulkane wahr), doch kann man seine Größe nur verinnerlichen, wenn man da einmal war. Mit konstanten 40 Knoten zog unser Wüstenschiff seine geraden Bahnen durch das kühle Weiß. Wir ankerten nächtens auf See, einfach irgendwo. Wie das mit andern Welten so ist, mussten wir jedoch einige Veränderungen an uns und an unserem Material feststellen. Größe ist relativ und unsere treue Tortuga wurde zusehens kleiner....


...zunächst erschreckend, brachte es uns doch bald auf eine phantastische Idee, das leidige Thema der nun bald bevorstehenden Rückverschiffung anzugehen. Jawoll, wir bauen uns ein Buddelship!


So, das Thema ist nun endlich vom Tisch :-)
Der 160km lange und 135km breite Salar de Uyuni (von den Einheimischen "weißes Meer" genannt) übrigens nicht komplett befahrbar, es gibt teigige Bereiche mit nassem Salz und die sogenannten "Ojos", die Augen, in die man besser nicht hineinfahren sollte.


Neben unseren Nächten auf See, verbrachten wir auch eine an Land, ganz allein auf der kleinen Isla Pescado, die von bis zu 1.200 Jahre alten Kakteen bewohnt ist. Schon wieder ein unglaublicher Ort...




Um unsere Vorräte für das nun anstehende Abenteuer aufzufüllen und um Diesel und Wasser zu tanken, nahmen wir Kurs auf Ost - Südost und stießen auf das Wüstennest Uyuni. Uyuni bedeutet in der Sprache der Aymara "Platz der Lasttiere". Das spricht für sich. Kein Ort zum Verweilen. Einzig der Eisenbahnfriedhof, auf dem unzählige Dampflokomotiven vor sich hinrosten war einen Besuch wert.

Noch einmal überquerten wir den Salar, um einer üblen Wellblechpiste auszuweichen (und, weil wir uns nicht loseisen konnten) und stürzten uns dann in die Wüste. Südlich des Salar liegt die Provinz Süd Lípez. Um diese besuchen zu können, benötigt man ein sehr stabiles Geländefahrzeug (ja, hier wirklich!!!), ein GPS mit ein paar wichtigen Wegpunkten und dazu noch eine Menge Gespür für den rechten Weg, denn Schilder gibt es auf den nächsten 400km keine, dafür jede Menge Spuren im Sand. So sah das dann zum Beispiel aus:


Die "Straße der Lagunen" hat ihren Namen nicht wirklich verdient. Eine Straße gibt es nun wahrlich nicht. Wir mussten mit dem Treibstoff haushalten und aufpassen, uns nicht zu oft zu verfahren. Die Strecke verläuft durchgängig auf über 4.000m Höhe, teils bis 4.900m hinauf. Oft ein Fall für den ersten Gang, bei den da oben noch verfügbaren müden Pferden unter der Haube. Für die Rüttelei und die schlecht geschlafenen vier Nächte in dieser Wildnis wurden wir belohnt mit den verschiedenfarbigen Lagunen. Hier die Laguna Canapa mit ihren Flamingos.



...hier die Laguna Chiarkota:


...dann ein "steinerner Baum", mitten in der Wüste (und das ist hier eine Wüste, praktisch ohne Vegetation)!


...und angekommen an der Laguna Colorada, der berühmtesten Lagune der Gegend. Abends kamen wir an und campierten direkt am Ufer. Die wunderschöne Natur tröstete uns ein wenig über die kurzen Nächte hinweg - und über die Tatsache, dass unser Waschwasser in der "Solardusche" am Morgen leider nie den richtigen Aggregatszustand zum Gebrauch hatte (obwohl wir es im Auto lagerten)... Die Flamingos lassen sich hier übrigens nachts durchaus im Wasser festfrieren. Erst die extrem starke Morgensonne befreit ihre Füße dann aus ihrer misslichen Lage


Liebe Antonia: Hier, speziell für Dich ein Puschelohrlama an der morgendlichen Laguna Colorada.

So, nun wollten wir aber langsam raus aus der Wüste und endlich wieder unter 4.000m. Der wunderschöne Weg war weiterhin extrem hat für Menschen und Material. Noch ein Pass... und noch einer...Unsere arme Tortuga wurde auf diesen über 800 Kilometern so kurz nach ihrem Geburtstag hart rangenommen.


Endlich erreichten wir einen Ort, der wunderschön gelegen (allerdings auf 4.600m) leider nicht mehr von Menschen bewohnt war. Bis auf die Dächer war der aus Natursteinen gebaute Ort recht gut erhalten. Wir schlenderten im letzten Abendlicht durch die Gassen, besuchten Kirche, Rathaus und Friedhof. Was war hier geschehen? Warum war der Ort verlassen worden? Doch halt, da bewegt sich was, und da auch. Chinchillas! Überall! Sitzen auf Mauern und in Fenstern und beobachten die Eindringlinge. Haben diese possierlichen Tierchen die Menschen vertrieben? Langsam vernebelt die Höhe und der Staub uns die Gehirne. Weiter! Nur noch eine Nacht über 4.000m und wir haben es geschafft!

Ja, geschafft! Wir sind in der herrlich gelegenen Kleinstadt Tupiza. Von hier soll es eine Teerstraße (was war das doch genau???) weiter nach Süden führen, nach Argentinien! Bilanz des Abenteuers (aus Sicht von Tortuga): Drei Blattfedern vorn gebrochen, die wichtige Quertraverse am Rahmen leider wieder gebrochen und ein Reifen platt. Bilanz des Abenteuers (aus Sicht der Insassen): Jederzeit wieder! Ein Highlight!!!!!!!!!!!!!!
Nun sind wir wieder im Einzugsbereich von ausreichend Sauerstoff (3.000m), einer heißen (!) Dusche, von Restaurants und (für unsere treue Tortuga) von "Schweißprofis" und Werkstatt. In einer solchen verbrachten wir dann auch den ganzen gestrigen Tag, spendierten vier neue Blattfedern, ließen die Traverse schweißen (wie lange hält sie dieses Mal?) und machten anschließend eine Probefahrt, hinauf in die skurrilen bunten Berge, die die Stadt umgeben. Toll hier!


Mit diesem brandaktuellen Panorama verabschieden wir uns für heute - und aus Bolivien, das wir heute schweren Herzens zu verlassen gedenken (wenn nicht irgendwelche Blockaden das verhindern sollten). Bolivien ist eine Reise wert - auch eine weitere. Die Landschaft ist gigantisch, die Wildheit ungebrochen, die Menschen nett und hilfsbereit. Wir haben Bolivien trotz der wenigen Zeit im Lande sehr genossen und ins Herz geschlossen.
Hasta la vista - wir sind dann Mal auf dem Weg nach Argentinien,
las Tortugas