Mittwoch, 18. August 2010

Im Herzen des Landes, Peru (31.07.-16.08.10)

Hola Amigos,

endlich wieder in Peru - dem bunten, vielseitigen, lebendigen und allzeit spannenden Peru. Wir sind glücklich. Nachdem wir auf dem Weg nach Norden vor etwa drei Monaten die Küste und einige Teile des Inlandes kennengelernt haben, versuchen wir nun, auf kleinen und wenig befahrenen Strecken, entlang der Anden Hauptkordilliere unseren langen Weg nach Süden zu bestreiten. Bis heute können wir resumieren: Toll! Endlich dürfen unsere geschundenen Reifen wieder richtig schlechte (also für uns gute) Pisten befahren und unsere Reisegeschwindigkeit ist wieder tortugagerecht. Um Nachfragen nach der Zuverlässigkeit Tortugas vorzubeugen: Nein, technische Probleme haben wir auch nach 32.000km noch keine. Toi Toi Toi! Nur unsere bisher sehr treuen Reifen sind offenbar nur für 35.000km bei diesen Belastungen ausgelegt. Da sie schonmal mit uns in Norwegen waren, ist diese Grenze nun überschritten und wir sind häufig Gast bei den in jedem Örtchen vorhandenen "Vulkanisadores". An das zarte Werkzeug Spitzhacke zur schonenden Trennung von Reifen und Felge haben wir uns inwischen gewöhnt, an die fragliche Qualität der 1 EUR-Reparaturen auch....

In den ersten Tagen in Peru haben wir einen Duchschnitt von 30 -140km pro Tag geschafft. Klar, dass man so sehr viel sieht. Traditionell gekleidete Menschen wohin man schaut, phantastische Bergwelten, Wege, die das Herz des Geländewagenfahrers höher schlagen lassen, gelebtes Mittelalter, freundliche Menschen, Kultur aus der Präinkazeit und natürlich aus der Zeit der Inkas.
Über den kleinen und beschaulichen Grenzübergang bei Macará gelangten wir nach Peru - nahezu reibungslos, nach unserer chaotischen Erfahrung am Übergang bei Tumbes auf dem Hinweg. Die einzig interessante Stelle bei der Abfertigung war die, als der peruanische Zöllner Kopien des Passes und der Autopapiere verlangte, ein Kopierer aber nur auf der anderen Seite der Brücke - sprich in Ecuador zu finden sei. Wir erklärten, dass wir da nun nicht mehr hindürften, da wir ja schon außer Landes sein und zu guter letzt ging er in den Nebenraum und machte schnell die beiden Kopien.... Der Rest ging dann schnell vonstatten.

Soviel als Einleitung - zu Beginn nun eine kleine Aufgabe: Wieviele Hühner leisten uns Gesellschaft bei unserem ersten Frühstück zurück in Peru?


(falsch - es sind 10- man beachte die Kühlerfigur) :-)

Schon am dritten Tag unternahmen wir eine mehrstündige Wanderung zu einem der höchsten Wasserfälle der Welt, und gleichzeitig zum höchsten Perus, dem Catarata Gocta. In unserem Reiseführer für "individuelles Reisen" ist er der dritthöchste, ein paar Seiten weiter der fünfthöchste. Vermutlich ist dieses unter der Rubrik "individuelles Verstehen" einzuordnen. Nun denn, hoch ist er und spektakulär gelegen. Beide Stufen zusammen sind 771m hoch. Unsere indianische Führerin war eine Quelle an Informationen über das Leben hier oben in der abgelegenen Region der Provinz Amazonas. Es regnet hier nur wenig - jedenfalls nie zu dieser Jahreszeit, was wir nicht bestätigen können. Sorry für das schlechte Licht auf den Bildern - wir hatten kein besseres ;-)




Nicht weit entfernt, unternahmen wir einen Ausflug zu den Sarkophargen von Karajía, die über eine kleine Holperpiste erreichbar sind, die allein schon die Fahrt wert war. Die Figuren sind einzigartig und erinnern doch ein wenig an die Steinstatuen auf den Osterinseln. Über einem Holzgestell wölbt sich der "Bauch" der Figur und gibt in ihrem Inneren Platz für eine sitzende Mumie. Über das Alter der Figuren (die noch an mehreren anderen Stellen dieser Gegend zu finden sind) schweigt unser schlaues Buch.

Unweit der Stelle, wo die Tonfiguren in einer hohen Felswand thronen, schliefen wir "semiwild" zwischen Feldern und Weiden mit grandioser Aussicht. Hatten wir den neuen Begriff "Semiwildcampen" schonmal erwähnt? Das Zwischending aus "offiziell" und "wild". Wir fragen einen Ortsbewohner, ob es OK ist, wenn wir in der Nähe an oder auf einem Feld übernachten. Klappt hier meist prima und erspart den Familienanschluss. In diesem Falle wussten so die 70 Einwohner des Ortes, dass wir da waren und ein Viertel davon kam am nächsten Morgen mal auf einen Plausch vorbei.


Kultur geballt in diesem Gebiet! Wir besuchen die Festung Kuélap, eine Stätte der Chachapoyas. Auf exakt 3.000m Höhe thront die Anlage aus dem 12. Jahrhundert auf einem Plateau. Sie wird neben Machu Picchu als die wichtigste archäologische Sehenswürdigkeit Perus bezeichnet, mit dem Unterschied, dass wir dort praktisch allein waren und sogar direkt vor den Toren der Festung campieren durften. Den späten Nachmittag nutzten wir, die Festung zu erwandern.


In der etwa 1,5km langen, durch eine aus Granitblöcken gemauerte Wehrmauer umgebenen Festung befinden sich die Ruinen von über 400 runden Behausungen verschiedener Größe. Eines dieser Häuser ist rekonstruiert worden.


Spannend zu erfahren, dass die Festung erst 1843 eher zufällig entdeckt wurde. Auch die Spanier haben sie nicht gefunden, was die dort lebenden Indianer gerettet hat.


Heute befindet sich im Inneren der Festung ein Wald aus knorrigen Bäumen, die mit hunderten von rot leuchtenden Bromelien bewachsen sind. Das gibt eine verwunschene Atmosphäre, so, als hätte man die Stadt auf dem Berge gerade selber entdeckt. Lange verweilten wir und nahmen die Stimmung in uns auf.


Die Wehrmauer verfügt über drei Eingänge. Dieses ist der Haupteingang mit Blick nach Süden. Alle Eingänge sind so schmal, dass nur ein einzelner Mensch hindurchpasst. So war es gewährleistet, dass die Festung sehr gut zu verteidigen war.


Am nächsten Morgen erwachten wir im Nebel bei norddeutschem Nieselregen. Schnell ging's weiter, zurück in die Sonne. Das Örtchen Celendin ist berühmt für seine Hutmacherkunst.


Die kunstvoll gearbeiteten Hüte müssen auch bewacht werden....


Und immer wieder Pisten durch sagenhafte Landschaft. Überall leben vereinzelt Menschen, auch auf Höhen über 4.000m!



Immer wieder fasziniert uns, wie die Menschen hier leben. Ist das Leben wirklich "arm"? Die ländliche Bevölkerung ist fast zu 100% indigen, die Menschen leben so, wie sie es schon vor hunderten von Jahren getan haben von der Landwirtschaft und Viehzucht. Viele Orte haben weder fließendes Wasser noch Strom. Hier dröhnen keine riesigen Musikboxen vor jedem Laden, hier ist es still. Schweine, Ziegen, Hühner, Kühe, Esel und Hunde nehmen am Dorfleben teil und laufen überall herum. Die Menschen sind fast durchweg in Trachten gekleidet - und das nicht etwa für die wenigen Touris, die sich hierher verirren. Wir haben den Eindruck, dass die Menschen zufrieden aussehen, trotz des in unseren Augen nicht vorhandenen Lebenskomforts. Dieses mittelalterlich anmutende Leben begegnet uns nun schon seit zwei Wochen fast täglich. Immer werden wir freundlich mit "Hola Gringos" begrüßt und angelächelt. Der "Gringo"-Ruf ist in Peru kein Schimpfwort - man muss sich eben daran gewöhnen. Anderswo waren wir immer die "Amigos", hier eben die "Gringos".

Baumaterial wird vor Ort gewonnen. Der Lehm für die Häuser ist ohnehin da, Ton für gebrannte Ziegel ist sicher schon etwas seltener. Wir durchfuhren eine Gegend, in der viele kleine Betriebe Dachziegeln oder auch gebrannte Ziegeln herstellen. Alles schöne Handarbeit. Die Öfen werden mit Holz oder Holzkohle befeuert und kokeln dann stundenlang vor sich hin. Dieser kühlt gerade ab.


Auch Tankstellen sind hier etwas rustikaler. Hier gibt es z.B. nur Diesel. Wenn man etwas möchte, wird die Tür geöffnet und der Generator angeschmissen - fertig ist die Tanke. Funktioniert!


...kleiner Einschub aus dem Leben, heute 10.00: Wir sind gerade in der Stadt Huánuco im Grand Hotel (!) -das musste ich einfach schreiben - klingt so edel.
Alarm! Erdbebenalarm! Alles raus auf die Straße, auf die Plaza! Der ganze Ort erschallt von einer Kakophonie an Sirenen. Feuerwehren, Polizei, Krankenwagen. Verletzte Menschen werden in Tragetüchern aus Häusern geschleppt und auf der Plaza versorgt. Rauch kommt aus den Häusern, Meschen rennen. Nur Eine Übung!!!! Wir wurden vorher eingeweiht. Gut, dass es sowas gibt. Die Anden bewegen sich ständig. Nun ist wieder Ruhe eingekehrt und wir wollen diesen Eintrag schnell fertigstellen und wirklich aus der Stadt flüchten - wieder in die Natur...
So können echte Wildcampingplätze aussehen.

Das war der Blick vom Camp. Hier hinunter und drüben wieder hoch und das ist keine Teerstraße sondern eine üble Holperpiste (Erklärung für unsere Reisegeschwindigkeit)...


Immer wieder interessant - die in unterschiedlichen Ländern so verschiedenen Friedhöfe irgendwo auf dem Land.


Ein typisches Bergdorf - Pallasca. Auch hier steht die Zeit still -trotz Stromanschluss.


Und weiter in Richtung der berühmten Entenschlucht:


Das ist sie nun - die Entenschlucht mit ihren vielen Tunneln. Sehr schön, doch die Strecke davor (Bild davor) war noch spannender.

Hier gibt's mal wieder Höhentraining. Eine Nacht an der Laguna Parón auf 4.150m. Schattig war's und die Luft dünne doch inzwischen können wir das ganz gut vertragen. Der Körper scheint sich auch an die vielen Höhenänderungen zu gewöhnen. Nicht gewöhnen tun wir uns an die Schönheit der Berge. Immer wieder ein Erlebnis, besonders in den Abend- und frühen Morgenstunden...



Wir sind im Nationalpark Huascarán. Auch die Laguna Parón ist Teil davon. Hier blicken wir auf den Doppelgipfel des namengebenden Bergriesen, des Huascarán (6.768m).


Wanderung zur Languna 69 (ja, die heißt wirklich so...)


Einer unserer vielen Abstecher führte uns zum Heiligtum von Chavín, Weltkulturerbe. Die Huantár-Kultur existierte zwischen 1.000 bis 200 vor Christus. Die Festung ist groß und beeindruckend. Durch Zufall erfuhren wir, dass am nächsten Tag wegen nötiger Renovierungsarbeiten die Pforten geschlossen bleiben sollten. Wir durften noch am Abend rein - sozusagen nach Toresschluss. Sehr nett. Wieder waren wir allein (mit einigen Wachleuten). Das Herz des Haupttempels ist von zwei sich kreuzenden Tunneln unterhöhlt, in deren Schnittpunkt die 4,5m hohe Stele El Lanzón steht, die kunstvoll verziert ist. Diese steht hier an Ort und Stelle, ungerührt von Erdbeben und mehreren Schlammlawinen, die die Tempelanlage in der Vergangenheit verwüstet haben. Eine schöne Außenansicht haben wir wegen der späten Stunde nicht erhaschen können. Wieder zogen dicke Wolken über den Himmel. Das Wetter spielt verrückt - nicht nur in Europa.


Außen waren ursprünglich viele Köpfe in die Mauer eingearbeitet - einer von ihnen ist noch erhalten und schaut belustigt auf die Welt draußen.


Wir nächtigten im Innenhof des Hotel Inka, in Gesellschaft eines sprechenden Papageien, zwei Gänsen, mehreren Hühnern und drei großen Eulen. Am Morgen waren die Wolken verschwunden - der dunkelblaue Andenhimmel beflügelte unsere Reiselust...
Wieder Nationalpark Huascarán. Groß ist er und er umfasst auch weite Punalandschaft, die wir beide sehr lieben.


In diesem Teil ist in einer Höhe von gut 4.000m die Puya Raimondiis, das größte Ananasgewächs der Erde heimisch. Erst nach 50 bis 100 Jahren gelangen die Pflanzen zur Blüte. Das geschieht einmalig, danach stirbt die Pflanze. Der Blütenstock wird 6-15m hoch und ist übersäht von hunderten kleiner gelbgrüner Blüten, die man erst erkennt, wenn man ganz nahe herangeht.


Da es in dieser Höhe keine Insekten gibt, zeigt sich ein Kolibri verantwortlich für die Bestäubung.


Und wieder wird der Himmel dunkel über uns. Vor uns liegt ein 4.900m hoher Pass....


....den wir im dichten Schneetreiben in der Dämmerung passieren...


Alle weiteren Fotos wären voller Schnee. Es wurde dunkel, die Piste schlechter und steiler. Corinna schlug vor, hier oben zu nächtigen. Wow! Darauf wäre ich nicht gekommen. Ich handelte sie noch 200m runter und so knackten wir auf 4.700m Höhe unseren bisherigen Nacht-Höhenrekord von 4.300m. Die Nacht war nicht so schlimm, wie ich dachte. Wir fanden auch Schlaf hier oben in der Einsamkeit. Wegen der immer mal wieder aufkommenden Beklemmung ließen wir unsere kleine Teelichtlaterne brennen - das hilft nicht nur Kleinkindern sondern auch großen Kindern..... Der nächste Morgen war sonnig und kalt, wir kamen aber gut in die Gänge. Um Tortuga sorgte ich mich mehr. Ein Test der Standheizung glückte unerwarteter Weise. Es roch stark nach Pyrotechnik doch sie sprang an und wärmte den Motor vor, so dass wir starten konnten. Webasto hat schon ein Dankschreiben erhalten....
So - nun los, die nächsten Abenteuer rufen,
las tortugas